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Senologie-Update 2011

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Präventive, komplementäre, alternative und integrative Onkologie

Dr. med. Jutta Hübner, D-Frankfurt

 

1. Prävention

 

Es ist unumstritten und mittlerweile auch wissenschaftlich gut belegt, dass ein gesunder Lebensstil, insbesondere ausreichende Bewegung (Ziel mind. 4 x die Woche mind. 30-45 Minuten Ausdauertraining), vor der Entwicklung eines Mammakarzinoms und anderer Tumorarten schützt. Umstrittener sind die Empfehlungen zur Ernährung. Weiterhin gilt aber aus epidemiologischen Untersuchungen, dass eine der mediterranen Kost angepasste Ernährung vorteilhaft ist. Eine 2010 publizierte Studie hat dabei gezeigt, dass bei Verzehr von einem Apfel/Tag das Risiko für eine Tumorerkrankung bereits sinkt, bei zwei und mehr Äpfeln wurde das Risiko (in dieser Untersuchung allerdings von kolorektalen Karzinomen) um fast die Hälfte reduziert.

 

Der Einsatz von Nahrungsergänzungsmitteln (Vitaminen, Spurenelementen und sekundären Pflanzenstoffen in pharmakologischer Zubereitung) ist dagegen nicht zu empfehlen. Eine wichtige Frage ist, ob mit der zusätzlichen Einnahme auch ein Schaden entstehen kann. Zumindest für Beta-Karotin und Vitamin E, aber auch für Vitamin B12 und Folsäure, gibt es dazu Hinweise.

Eine Ausnahme könnte das Vitamin D darstellen. Hierbei ist aber noch unklar, ob es auf die Zufuhr, die erreichten Spiegel oder (wahrscheinlicher) die Spiegel in Abhängigkeit von Vitamin D-Rezeptor-Polymorphismen ankommt. Die Ergebnisse hierzu sind auch im Hinblick auf das Mammakarzinom noch widersprüchlich.

Seit der SELECT-Studie zum Prostatakarzinom ist auch die Einnahme von Selen, das lange Zeit als präventiv galt, umstritten. Eine detaillierte Analyse zeigt, dass sowohl für Karzinome, wie für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, u-förmige Kurven mit einem minimalen Risiko bei Serumspiegeln zwischen 120 und 150 µg/ml vorliegen. Eine Selen-Einnahme sollte deshalb nur unter Spiegelkontrollen erfolgen.

Bei den sekundären Pflanzenstoffen sind EGCG (Grüntee) und Isoflavone wichtig. Während die Daten aus Asien für eine präventive Wirkung sprechen, haben Untersuchungen in westlichen Ländern keine protektive Wirkung gezeigt. Möglicherweise hängt dies zumindest bei den Isoflavonen damit zusammen, dass die Prävention nur dann erreicht wird, wenn der Konsum bereits in der Kindheit einsetzt. Zum Grüntee konnte eine aktuelle Meta-Analyse keine Korrelation bei der Prävention finden.

 

2. Komplementäre und alternative Medizin = integrative Medizin?

 

Obwohl im amerikanischen Sprachgebrauch die Begriffe "complementary and alternative medicine" in einem Atemzug genannt werden, ist die strenge Unterscheidung und entsprechende Bewertung von hoher Bedeutung. Komplementär bedeutet ergänzend, begleitend und auf die eigentliche antitumorale Therapie abgestimmt. Hierbei werden Neben- und Wechselwirkungen berücksichtigt. In der alternativen Medizin wird den Patienten tatsächlich z. T. eine "Alternative" zur konventionellen Therapie angeboten. Verbreiterter sind jedoch Therapien, die zwar parallel angewendet werden, aber bei denen die Abstimmung unterbleibt, sodass Interaktionen, insbesondere mit verstärkten Nebenwirkungen und Abschwächung der Wirkung, zu befürchten sind. Da wir wenig Informationen über die aktuelle Nutzerrate haben und Patienten in den meisten Fällen ihren Nebenhergebrauch an natürlichen Substanzen etc. dem Onkologen nicht offenlegen, sind die Inzidenzen von Nebenwirkungen und Wechselwirkungen nicht bekannt. Von hohen Dunkelziffern ist auszugehen.

 

Für die Mistel-Therapie liegen umfangreiche präklinische und klinische Studien vor. Trotzdem handelt es sich hierbei weiterhin um eine der umstrittensten Therapieformen.

Für das Mammakarzinom gibt es eine Reihe von methodisch allerdings meist unzureichenden Studien, sodass weiterhin das Ergebnis des Cochrane-Reviews aus 2008 gilt: "Aus randomisierten klinischen Studien ergibt sich die Ansicht, dass die Misteltherapie das Überleben, die Lebensqualität oder die Nebenwirkungen der antitumoralen Therapie verbessert, schwach begründet".

 

Ebenso, wie in der Prävention, ist auch in der Therapie der Einsatz von Nahrungsergänzungsmitteln bei bereits erkrankten Patientinnen problematisch. Insbesondere Antioxydantien sollten vermieden werden, da sie eine Apoptose-Inhibition und Abschwächung der Wirksamkeit von Chemo- und Strahlentherapie bedingen können.

Vitamin D sollte allerdings bei Patientinnen mit Mammakarzinom, wenn indiziert, in ausreichender Dosis gegeben werden. Amerikanische Untersuchungen zeigen, dass mit 400 lU häufig keine ausreichenden Spiegel erreicht werden.

Selen während einer Chemo- oder Strahlentherapie kann nach ersten vorliegenden Daten die Nebenwirkungen vermindern, ohne die Wirkung zu gefährden.

 

Zu den sekundären Pflanzenstoffen liegt eine Meta-Analyse zum grünen Tee vor. Hiernach vermindert regelmäßiges Trinken von grünem Tee das Rezidivrisiko.

 

Die komplementäre Onkologie bietet eine Reihe von einfachen Möglichkeiten, Nebenwirkungen von Chemo- und Strahlentherapie zu vermindern. Beispiele sind:

bei Mucositis: Salbei- und Kamillentee,

bei Übelkeit und Erbrechen: Ingwer,

bei Fatique: Ginseng (cave: Phytoöstrogen),

gegen Kachexie: Omega-3-Fettsäuren.

 

Auch im supportiven Gebrauch sollte darauf geachtet werden, ob in den Studien der Endpunkt, die Rezidivrate und das Überleben betrachtet worden ist. So zeigt eine Reihe von Untersuchungen, dass z. B. Glutamin gut vor der Mucositis schützt, allerdings das Risiko für ein Rezidiv erhöht.

Eindeutig zu warnen ist vor alternativen Angeboten, die Patienten meist von privaten Anbietern gemacht werden. Hierzu gehören sogenannte "Krebsdiäten", aber auch Vitamin B17, die Germanische Neue Medizin nach Dr. Hamer, Ukrain und Galavit.

Eine Analyse, welche Hypothesen hier zum angeblichen Wirkmechanismus präsentiert werden, zeigt sich wiederholende Motive. So bemühen sich praktisch alle Krebsdiäten, den Tumor "auszuhungern".

 

 

Dr. med. Jutta Hübner

Universitäres Centrum für Tumorerkrankungen (UCT)

Klinikum der J.W. Goethe Universität, Frankfurt am Main

www.kgu.de

Herzlichen Dank für den Vortrag!

Erika Rusterholz