Ein Brustkrebs und sein Verlauf

 

My Breast Cancer and its History

 

Brustkrebs: Selbsthilfe

Senologie-Forum 2007 der SGS in Laax

14. Februar 2007

Kurzfassung des Vortrags von Erika Rusterholz

 

 
 

Wie aus dem Tief herausfinden

 

 

 

Es war vor drei Jahren - im Januar 2004.

Ziemlich gelassen hatte ich alle Abklärungen und die Operation hinter mich gebracht,

nun machte mir die anstehende Bestrahlung Angst. - Ich fiel seelisch in's tiefste Loch.

 

 

Dann, wieder zuhause, kreisten meine Gedanken um den Arzt, der so viel herausgeschnitten hatte. Die Nähte hatte ich mir auch schöner vorgestellt. Dann "Bällchen" in den Achselhöhlen. Vor möglichen Komplikationen hatte mich niemand gewarnt.

Die beidseitigen Serome brachten mich fast zum Verzweifeln, ich wusste anfänglich nicht, was das war.

Ich kapselte mich ab, ich wollte nicht gefragt werden, keine Ratschläge hören. Ich war in seelisch sehr schlechter Verfassung, jedes unbedachte Wort löste Tränen aus.

Auch mein Mann hatte Mühe mit der Situation.

 

 

 

Ich sollte mich bestrahlen lassen, hatte jedoch Angst vor möglichen Nebenwirkungen. Ich wusste nicht mehr, wie weiter.

Chaos herrschte in meinem Kopf - ein paar Tage in meinem Italien-Garten sollten mir Klarheit verschaffen.

Dann war klar: ich musste mich zusammenreissen, denn der Garten braucht mich, sonst verwildert er.

Ich musste mich von diesen Gedanken lösen können, etwas Neues finden.

 

 

 

Die Idee reifte während der Bestrahlungstherapie im Mai 2004. Herr Dr. Mathias Fehr hatte Bilder von meiner Brust gemacht, mein Mann von Hämatom und Serom. Ich fragte, ob diese irgendwo Verwendung finden könnten.

"Jaaaa, schreiben Sie diese doch mal an in PowerPoint." Was war das nun wieder?

Ich suchte zusätzlich alles zusammen, was ich über meinen Brustkrebs finden konnte. Brust-Zentrum und UniversitätsSpital waren mir dabei sehr behilflich.

 

 

 

Jetzt schien die Brust noch kleiner: wären Implantate möglich?

Leider erfuhr ich bei der Nachsorge, dass ich ein halbes Jahr abwarten müsse, die Brust könne sich noch verhärten. Der Tipp, die harten Stellen zwischenzeitlich mit den Fingern zu zerdrücken, erwies sich als sehr gut.

Und der Ausspruch bei meinem Anblick: "Winnetou könnte ja noch neidisch werden auf meine Kriegsbemalung", brachte mich wieder etwas in Schwung.

 

 

 

 

 

Während des Sommers 2004 ging's mir richtig gut. Das Erstellen der Dokumentation hielt mich auf Trab.

Bis zum Oktober waren alle 90 Bilder angeschrieben und korrigiert. Die CD's verteilte ich mit etwas Stolz.

Inzwischen hatte ich über 5 Kilos abgenommen, vorwiegend wegen Arimidex. Ich sah wie ausgemergelt aus mit hervortretenden Muskeln, ohne Fett rundum, die Haut war fast wie Pergament.

So amüsierte mich der Kommentar: ich könnte den Bodybuilders ja noch Konkurrenz machen.

 

 

 

Bei den neuen Studentenkursen kam nun meine Bilder-Dokumentation zum Einsatz und ich als "Model" zum Ausfragen und Abtasten.

Das ist heute noch so - und ich lerne immer wieder Neues dabei.

Könnten diese Bilder auf der Spital-Homepage verwendet werden?

Nein, sie seien zu abschreckend, solches dürfe man Patientinnen nicht zeigen, sie hätten Angst vor einem Spitaleintritt, würden nicht mehr zur Bestrahlung gehen! Ich kam verärgert und recht unglücklich nach Hause, denn nur ausführliche Informationen helfen mit, alles zu verarbeiten.

 

Beispiel-Bild

 

 

Mein Mann: wir machen eine eigene Homepage! In drei Wochen war sie fertig. Um mehr Frauen ansprechen zu können, verfasste ich sie auch in englisch. Den medizinischen Teil der Homepage durfte ich von meinen beiden Ärzten korrigieren lassen (www.brustkrebsverlauf.info).

Jedoch kam ich nicht weiter mit dem Verbreiten, ich hatte lauter Absagen bei Linkanfragen.

Ab Juni 2005 fand ich dann Zugang zu verschiedenen grossen Brustkrebs-Foren: Ich schrieb sehr viele Beiträge auf entsprechende Anfragen, dabei konnte ich meine Homepage erwähnen, was steigende Besucherzahlen, Komplimente, neue Kontakte ergab. - Direkte Anfragen an mich für Ratschläge brachten mir auch Glücksmomente, besonders, wenn ich eine Betroffene überzeugen konnte, zuerst ein Brustzentrum aufzusuchen, anstatt sich gleich operieren zu lassen. Oder dorthin zu gehen, wo eine Sentinel-Lymphknoten-Biopsie möglich ist.

 

 

 

Um auch anderes an Informationen veröffentlichen zu können, das nicht in meine Homepage passte, wünschte ich mir zum 70. Geburtstag ein eigenes Forum und Miniparty mit den mir inzwischen lieb gewordenen Menschen.

Es hatte geklappt: war das ein schöner Tag für mich, denn 70 zu werden fand ich absolut nicht toll. Eigentlich fühle ich mich doch erst wie 50.

 

 

 

Nach dem Forumsstart beantwortete Herr Dr. Christoph Rageth noch Anfragen, leider blieben diese dann wegen Zeitmangels weg. Ich vermisste den weiteren Kontakt zu meinen beiden Ärzten, es war ja nichts mehr zum Korrigieren. Für den Mai 2006 erhielt ich dann eine Einladung zum Senologie-Update in Zürich, für mich ein Höhepunkt, und anschliessend wiederum einige Vorträge für meine Homepage.

Jedoch ging es mir seelisch schlecht – ich litt unter meinem Aussehen, auch an Schlafmangel, und schien am Austrocknen zu sein. Ich wurde unausstehlich.

 

 

 

Im Juli 2006 war ich sicher: ich litt unter Hormonmangel. Nur Livial 1,25 mg täglich dürfe ich erhalten - aber das reicht mir, ich bin mit diesem Medikament nun richtig aufgeblüht.

An Implantate denke ich gar nicht mehr. Die schon recht kleine Brust gefällt mir nun wirklich, BH ist überflüssig.  -  Eine über Siebzigjährige mit dem Busen eines Teenagers! Ich bin sogar etwas stolz, auch anliegende Oberteile tragen zu können.

 

Brust nach beidseitiger Tumoroperation

 

 

Ich habe aus dem Tief herausgefunden durch:

— die beste Nachsorge im Brust-Zentrum Zürich,

— durch aufmunternde Aussprüche und näheren Kontakt über den "Arzt" hinaus,

— das Kunstwerk der schön gestalteten neuen Brust,

— die Erkenntnis, dass ich optimal operiert worden bin;

— die Hilfe bei der Bild-Dokumentation und Homepage,

— das Verständnis (meistens) meines Gatten

Kurz: weil ich mich freue, zwei Superärzte um mich zu haben, einen Mann, der auch mal akzeptiert, wenn das Essen nicht zur Zeit auf dem Tisch steht; auch weil mir mein Körper heute gefällt.

Und weil ich wohl viel Glück gehabt habe.

Ganz herzlichen Dank allen Beteiligten !

 

 

 

Und warum geht es mir nun so gut? weil:

— meine Ratschläge gefragt sind,

— meine Forenbeiträge Beachtung finden,

— ich viel Neues, auch Medizinisches, lernen durfte,

— die Homepage mich auf Trab hält,

— es einen wundervollen Garten an der italienischen Riviera gibt...

Kurz: weil momentan alles stimmt. Ich darf etwas Erfolg verbuchen, habe viel dazu gelernt, habe keine Langeweile und kann in einem paradiesischen Garten wieder auftanken.

Der Brustkrebs hat mir ausser dem anfänglichen Tiefschlag auch sehr viel gebracht - eigentlich ein neues, etwas hektisches Leben.

 

Der Platz zum Ausruhen und

Träumen wäre bereit...

 

 

Ohne den Brustkrebs wäre heute sicher vieles anders, aber ob besser, weiss ich nicht.

Jedenfalls bin ich sehr ausgelastet und habe gar keine Zeit zum Grübeln.

 

Mir geht es nun wirklich sehr gut!

 

 

 

April 2016: neun Jahre sind seit obigem Vortrag vergangen - was hat sich inzwischen ereignet?

 

— seit mehr als vier Jahren bin ich glücklich mit Silikon-Implantaten ~~ eine ausführliche Dokumentation, auch mit Bildern:

— Fett habe ich erst wenig ansetzen können, aber dank Livial ist mein Allgemeinzustand viel besser ~~ was ist Tibolon?

— an den jährlichen Senologie-Updates in Zürich habe ich sehr viel lernen können ~~ einige der interessanten Vorträge:

— auch bin ich immer noch gern "Model" bei Studenten- und Ultraschallkursen (IBUS) ~~ mehr zu IBUS, z.B. Programm 2012:

— der Kontakt zu beiden Ärzten ist zwar etwas loser geworden, ich fühle mich aber bestens betreut ~~ meine Nachsorge:

— mit Freude darf ich feststellen, dass jetzt Homepage und Forum rege besucht werden ~~ etwas Statistik:

— zum Auftanken fahre ich weiterhin zu meinem Italien-Garten, er hält mich in Schwung und fit ~~ südliche Stimmung:

— am 1. Oktober 2011 Gründung von Brustkrebs–Wissen hilft weiter ~~ informative und sehr hilfreiche Homepage:

— am 11. Dezember 2012 Entfernung eines Spinalioms (weisser Hautkrebs) auf der Wange ~~ bebilderte Dokumentation:

— März 2013: photodynamische Therapie eines Basalioms (weisser Hautkrebs) an der Nase ~~ bebilderte Dokumentation:

— Mai 2015: ein Multiples Myelom wird diagnostiziert, glücklicherweise noch in einem frühen Stadium ~~ mehr: