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<  Wissenswertes zu Brustkrebs  ~  St. Galler Konsensus-Konf.: Interview mit Prof. H.-J. Senn
Lukas
BeitragVerfasst am: 29.03.2007 20:24  Antworten mit Zitat



Anmeldungsdatum: 29.03.2007
Beiträge: 1

Liebe Betroffene und Angehörige,

In der letzten SonntagsZeitung des Zürcher Tages-Anzeigers ist im Nachgang zur St. Galler Konsensus-Konferenz dieses meines Erachtens sehr interessante Interview erschienen. Ich stelle es mit freundlicher Genehmigung der Autorin hier ins Forum.


Frauen bekommen nicht überall eine optimale Behandlung

Krebsspezialist Hans-Jörg Senn über die neusten Therapieansätze bei Brustkrebs
und das Recht der Frauen auf eine Zweitmeinung


Von Helga Kessler

Anlässlich des 10. Internationalen Brustkrebskongresses in St. Gallen diskutierte eine internationale Expertengruppe letzte Woche über neue Richtlinien für die Behandlung von Brustkrebs. Die SonntagsZeitung sprach mit dem Kongress-Organisator Hans-Jörg Senn. Er ist wissenschaftlicher Direktor des Tumorzentrums Zetup in St. Gallen und Chur.


Bei der Brustkrebstherapie gilt seit zwei Jahren die Empfehlung, Tumorzellen erst darauf zu testen, ob sie hormonabhängig wachsen oder nicht. Was ist heute die Therapie der Wahl bei den hormonsensitiven Tumoren?

In der Expertengruppe, die alle zwei Jahre die neuen Empfehlungen erarbeitet, kam es über diese Frage zu einem richtigen Krieg. Die Experten aus Amerika sagen: sofort Aromatase-Hemmer, also die neuen Antihormone. Aber die sind vier- bis fünfmal teurer als das herkömmliche Tamoxifen. Wir in Europa sind der Meinung, dass man bei Frauen mit einem eher geringen Rückfallrisiko nach der Menopause mit Tamoxifen beginnen kann. Nach zwei oder fünf Jahren wechselt man dann auf einen Aromatase-Hemmer wie Femara, Arimidex oder Aromasin.

Muss man unbedingt weiterbehandeln, wenn es in den ersten fünf Jahren zu keinem Rückfall gekommen ist?

Wir wissen ehrlich gesagt nicht, wie lange man weiterbehandeln muss. Aber wir wissen heute genau, dass postmenopausale Frauen mit Hormonrezeptor-positiven Tumoren in den Jahren 5 bis 12 nach der Operation mehr Rückfälle haben als in den ersten fünf Jahren. Warum also dann nach fünf Jahren aufhören? Das bringt zu wenig.

Gibt es bei der Therapie weitere neue Ansätze?

Es gibt neue Chemotherapeutika aus der Gruppe der Taxane, das sind Eiben-Alkaloide, die in den letzten Jahren in der Therapie von fortgeschrittenem Brustkrebs eingeführt wurden. Es geht nun darum, die sehr teuren Medikamente sinnvoll in die Behandlung einzubauen. Die Frage ist, ob man warten muss, bis die anderen Chemotherapeutika versagen, weil die Krebszellen dagegen resistent geworden sind, oder ob man sie vorher einführen soll, um so das Versagen hinauszuzögern.

Wozu tendieren Sie?

Wahrscheinlich wird es darauf hinauslaufen, dass man Brustkrebs-Untergruppen mit einem höheren Rückfallrisiko herausfiltern wird, bei denen es ratsam ist, die neuen Substanzen schon in die Erstkombination mit hineinzunehmen.

Wenn das Rückfallrisiko klein ist, braucht es heute in vielen Fällen doch gar keine Chemotherapie mehr.

Die Onkologen versuchen immer mehr, massgeschneidert zu therapieren, das heisst, herauszufinden, welche Frauen nach Operation und Bestrahlung gar keine medikamentöse Therapie brauchen - auch keine Antihormone oder eben keine Chemotherapie.

Bekommen heute zu viele Frauen eine Chemotherapie?

Ja, schon, aber nicht aus bösem Willen, sondern weil bisher die Rückfallrisiken noch nicht gut genug eingeschätzt werden können. So lange man die Antwort nicht kennt, nimmt man die schlechtere Variante an und schützt die Frau vielleicht fast zu stark vor einem Rückfall. Gentests könnten hier klarere Antworten bringen.

Gibt es denn schon verlässliche Gentests?

Es gibt Hunderte von Genen, die für das Rückfallrisiko relevant sind. Manche Tests suchen nach 70 Genen, andere nach 50 oder 20 - ob das die beste Auswahl ist, wissen wir nicht. Hier spielen auch kommerzielle Interessen eine Rolle. Da werden Tests angeboten, die aus wissenschaftlicher Sicht heute noch nicht viel bringen.

Ein Risikofaktor sind Tumorzellen in den Lymphknoten. Wie viele Lymphknoten muss man entfernen?

Noch vor zehn, zwanzig Jahren haben die Chirurgen eher zu viele Lymphknoten entfernt - das hatte Stauungen im Arm, Lymphödeme, zur Folge. Heute entfernt man vielleicht zehn Lymphknoten, oft sogar nur den Wächterlymphknoten, und wenn der negativ ist, lässt man die anderen in Ruhe.

Welche Rolle spielt die Bestrahlung heute bei der Brustkrebstherapie?

In der Erstbehandlung ist die Bestrahlung häufiger geworden. Wenn man Brust-erhaltend operiert, braucht es die Bestrahlung.

Die Therapie wird zunehmend individuell. Profitieren die Frauen tatsächlich vom medizinischen Fortschritt?

Im Moment ist es so, dass eine Frau mit Brustkrebs nicht überall dieselbe Behandlung bekommt. Wir müssen deshalb regionale Brustzentren aufbauen, damit die Frau, unabhängig davon, wo sie mit ihrem Problem hingeht, die gleich zweckmässige Behandlung bekommt. Zudem müssen wir dafür sorgen, dass wir unsere Hausärzte und Frauenärzte ausserhalb dieser Zentren noch besser weiterbilden und fachlich vernetzen.

Was kann die Patientin selber tun?

Das Vernünftigste ist, dass man nicht alles akzeptiert, was einem auf der ersten Anlaufstufe geraten wird, sondern dass man das überprüfen lässt. Man muss den Frauen sagen, dass sie das Recht auf eine Zweitmeinung haben.

Zur zusätzlichen Tabelle: andere Risiken, andere Therapien -->KLICK
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