Ein Brustkrebs und sein Verlauf

 

My Breast Cancer and its History

 

Brustkrebs: Persönliches

Interviewtext aus der "Schweizer Familie"

vom Oktober 2007:

Zuversicht trotz Brustkrebs

von Frau Ginette Wiget, Redaktion Wissen/Gesundheit

     

 

Erika Rusterholz ist 71, Eva Aeschimann 39.

Beide Frauen teilten dasselbe Schicksal: Bei ihnen wurde Brustkrebs diagnostiziert. Nach dem ersten Schock nahmen die zwei Frauen den Kampf gegen den Tumor auf. Jede auf ihre Weise.

 

 

 

 

Noch wichtiger, als die geliebte Kaffeemaschine, ist der 71-jährigen Erika Rusterholz der Computer. Wenn sie um sechs Uhr aufsteht, setzt sie sich zuerst vor den Bildschirm und sieht nach, wie viele Menschen am Vortag ihre Internetseite «Ein Brustkrebs und sein Verlauf» besucht haben. Seit drei Jahren steckt die Frau mit der mädchenhaften Figur ihre ganze Energie in dieses Projekt. Mit Erfolg. Jeden Monat wird ihre Seite 3000- bis 4000-mal angeklickt, meist von Frauen, die an Brustkrebs erkrankt sind und nach Informationen suchen.

 

Erika Rusterholz hatte selbst Brustkrebs. Als sie vor vier Jahren von ihrem Arzt erfuhr, dass die Veränderungen in ihrer Brust bösartig sind, liess sie die Behandlung stoisch über sich ergehen. Das vom Krebs befallene Gewebe wurde herausoperiert, die Brust neu geformt. Nach der Operation fiel Erika Rusterholz jedoch in ein seelisches Tief. Nicht, weil sie befürchtete, dass der Krebs wieder kommen könnte, sondern weil ihr das Aussehen der Brust zu schaffen machte. «Als Mädchen war ich dick und litt darunter. Mit dreissig fing ich an, auf meinen Körper zu achten.» Seither legt Erika Rusterholz viel Wert auf ihr Äusseres. Der Schock war gross, als sie zum ersten Mal die wulstigen Operationsnähte sah. Zudem war ihr kleiner Busen noch kleiner geworden. «Ich fragte mich, ob es wirklich nötig war, so viel Gewebe aus meiner Brust herauszuschneiden.»

 

Entscheidung fürs Bestrahlen

Hinzu kam die Angst vor der Bestrahlung — sie ist ein wichtiger Teil der Krebstherapie und zerstört die nach der Operation zurückgebliebenen Tumorreste. «Ich befürchtete Nebenwirkungen und machte mir Sorgen, dass sich meine sensible Haut nach der Bestrahlung nicht mehr erholen würde», sagt sie. Um zu einer Entscheidung zu kommen, zog sie sich für einige Tage an die ligurische Küste Italiens zurück, wo sie eine Wohnung (Studio) und einen Garten mit exotischen Pflanzen besitzt. Irgendwann fragte sie sich: «Wer hegt und pflegt die Pflanzen, wenn es mich nicht mehr gibt?» Sie entschloss sich trotz ihrer Bedenken für die Bestrahlung.

 

In jenen Wochen während der Bestrahlung fing Erika Rusterholz an, alle Dokumente ihrer Krankheitsgeschichte zusammenzusuchen und mit Kommentaren zu versehen. Sie hatte die Idee, die Dokumentation ihren Ärzten für Studentenkurse zur Verfügung zu stellen. «Die Arbeit half mir, die finsteren Gedanken aus meinem Kopf zu vertreiben.» Ihre Ärzte waren vom Ergebnis begeistert. Bald darauf wurde die Dokumentation in Studentenkursen verwendet. Die Ärzte luden Erika Rusterholz ein, regelmässig an ihren Kursen teilzunehmen - als Vorzeigepatientin, die von den Studenten ausgefragt und abgetastet werden darf. Erika Rusterholz nahm die Aufgabe freudestrahlend an. Doch all das war ihr nicht genug. «Ich wollte meine Erfahrungen unmittelbar an Menschen weitergeben, die an Brustkrebs erkrankt sind.»

 

Die Frau, die sich seit Jahren dagegen gewehrt hatte, einen Computer zu benutzen, die immer gesagt hatte, «das lerne ich nicht mehr», machte sich mit der Hilfe ihres Ehemannes Roland daran, eine eigene Homepage auf die Beine zu stellen. «Bald war ich angefressen.» Nach wochenlanger Arbeit entstand ein persönlicher Erfahrungsbericht mit Bildern und vielen Informationen über Brustkrebs.

Am 30. November 2004 wurde die Homepage aufgeschaltet - und niemand im Internet nahm Notiz davon. Jedenfalls am Anfang. Doch Erika Rusterholz gab nicht auf. Sie schrieb Beiträge in Brustkrebs-Foren und machte dabei Werbung für ihre Homepage. Bald fanden erste Besucher auf ihre Seite. Und es wurden immer mehr. Heute ist das Informationsportal von Erika Rusterholz weitherum bekannt.

 

Erika Rusterholz widmet der Internetseite viel Zeit. «Zu viel Zeit, findet mein Mann manchmal, denn ich vergesse darüber oft das Haushalten», sagt sie und lächelt verschmitzt. Täglich sitzt sie vor dem Computer, manchmal stundenlang, aktualisiert ihre Einträge, beantwortet Anfragen von ratsuchenden Frauen und informiert sich im Internet über den neusten Stand der Brustkrebsforschung.

Wer ihre Seite besucht, erfährt zum Beispiel, auf welche Arten heutzutage Gewebeproben entnommen werden, was nach einer Operation beachtet werden muss und welche Frauen eine Chemotherapie brauchen. Ein Rat, den Erika Rusterholz allen Frauen gibt, ist, sich gleich an ein zertifiziertes Brustzentrum zu wenden, falls ein Verdacht auf Brustkrebs besteht. «Dort werden die Frauen von einem erfahrenen Team aus Röntgenärzten, Krebsspezialisten, Gynäkologen und Chirurgen behandelt.»

 

Damit sich auf ihrer Internetseite keine Fehler einschleichen, wird alles, was sie veröffentlicht, von Ärzten überprüft. Einer von ihnen ist der Gynäkologe Mathias Fehr vom Brust-Zentrum des UniversitätsSpitals Zürich. Er hat Erika Rusterholz operiert. Über seine Patientin sagt er: «Wenn diese Frau etwas macht, macht sie es gründlich.» Ihre Homepage ist für ihn etwas Aussergewöhnliches. «Ich kenne keine andere Patientin, die ihre Krankengeschichte für die Öffentlichkeit dokumentiert hat.» Vor allem aber sei die Dokumentation von Erika Rusterholz grundehrlich - was manche Frauen vielleicht sogar etwas abschrecken könnte. Wer sich auf der Homepage durchklickt, weiss, was Mathias Fehr damit meint. Es sind viele Fotos ihrer Brust zu sehen - nach der Operation, nach der Bestrahlung und heute. «Ich will die Frauen damit nicht abschrecken. Sie sollen wissen, was auf sie zukommt. Wer informiert ist, hat weniger Angst», sagt sie.

 

So unglücklich Erika Rusterholz damals über das Aussehen ihrer Brust nach der Operation war, so zufrieden ist sie heute mit dem Ergebnis: Die Haut hat sich von der Bestrahlung vollständig erholt, die Narben von der Operation sind kaum mehr sichtbar, und die Brust ist schön geformt. «Heute bin ich stolz darauf, was ich habe.»

Erika Rusterholz muss halbjährlich zur Nachsorge-Untersuchung, da sich bei Brustkrebs auch nach Jahren wieder bösartige Tumore bilden können. Dennoch ist sie überzeugt, dass der Krebs nicht zurückkehrt. «Die Arbeit an der Homepage hält mich in Schwung.» Auch die vielen Zuschriften und Dankesschreiben von Frauen, die ihre Seite besucht haben, tun gut. «Sie beweisen, dass richtig ist, was ich mache.»

Trotzdem genügt ihr die Arbeit an der Homepage nicht mehr. Erika Rusterholz hat schon das nächste Ziel vor Augen: Sie würde gern öffentliche Vorträge über Brustkrebs aus Sicht einer Patientin halten, am liebsten vor Fachpublikum. Auf die Idee kam sie letzten Februar, als sie auf einem Ärztekongress zwei Vorträge halten durfte: «Das war das Grösste für mich.»

 

Auch wenn sie sich die Krankheit lieber erspart hätte, habe der Krebs ihr Leben bereichert, sagt sie. Das mag zunächst seltsam klingen. Doch Erika Rusterholz macht klar, was sie damit meint. «Die Homepage hat meinem Leben einen neuen Sinn verliehen.» Und der Krebs hat noch mehr bewirkt: Früher habe sie ihre Gefühle meist für sich behalten. «Heute zeige ich sie. Ich bin zugänglicher, herzlicher geworden.»

 

Die Internetseite von Erika Rusterholz:

www.brustkrebsverlauf.info

 
     

 

erschienen in der "Schweizer Familie" Nr. 41 vom 11. Oktober 2007

hier als pdf-Datei (3 Seiten mit Bildern):

Logo "Brustkrebs-Wissen hilft weiter"

www.wissen-hilft-weiter.info

© Erika Rusterholz