Ein Brustkrebs und sein Verlauf

 

My Breast Cancer and its History

 

Brustkrebs: Persönliches

Migros-Magazin: Menschen/Portrait

vom Oktober 2011:

Durchstarten nach dem Brustkrebs

 

 

 

Susanna Helg (34) und Erika Rusterholz (75) überlebten beide ihre Brustkrebserkrankung.

Dies ist typisch:

Dank der frühen Erkennung der Tumore sterben in der Schweiz immer weniger Frauen an Brustkrebs.

 

 
 

Drei Jahre nach dem Brustkrebs voller Zuversicht: Susanna und Daniel Helg

 
 

Es war reiner Zufall, dass Susanna Helg (34) den Knoten entdeckte.

«Eines Abends, als ich mich unter der Brust kratzte, bemerkte ich etwas Ungewöhnliches», erzählt die zierliche Frau. Das war im Mai vor drei Jahren. Sie meldete sich bei ihrem Arzt und bekam sofort einen Termin. Eine Gewebeprobe wurde entnommen; ein Monat nach der Entdeckung des Knotens kam der Bescheid.

Helg war auf einem Firmenausflug, als der Arzt anrief. «Wo sind Sie gerade?», fragte er, «Sie sollten heute noch vorbeikommen.» Helg wusste, was das bedeutete: Sie hatte Brustkrebs.

 

 

 

Diese Diagnose trifft jede zehnte Frau irgendwann im Verlauf ihres Lebens (siehe auch angehängte Box). Allein in der Schweiz sind es jährlich über 5300 Frauen sowie 30 bis 40 Männer. Mit 1300 Todesfällen ist Brustkrebs die häufigste Krebstodesursache von Schweizerinnen. Vier von fünf Patientinnen sind bei der Diagnose über 50 Jahre alt, weniger als zwei Prozent aller Brustkrebskranken sind weniger als 35-jährig.

Susanna Helg ist eine von ihnen. Sie war bei der Diagnose erst 31, in einem Alter, in dem man mit vielem rechnet, aber nicht mit Brustkrebs. Die junge Frau schüttelt den Kopf, wenn sie daran zurückdenkt: «Das war ein Schock», sagt sie, «einfach ein Schock.» Das Seltsame war, dass sie sich eigentlich so fit und gesund fühlte.

 

Die Brust musste nicht entfernt werden

Auf den Schock folgten Wochen voller Arzttermine. Immer dabei: Helgs Mann Daniel und ihre Mutter. «Die beiden und überhaupt meine ganze Familie waren enorme Stützen», sagt Helg. Ihre Mutter gab sogar den Job auf, um für die kranke Tochter da sein zu können. Der Arzt sagte: «Machen Sie sich keine Sorgen.» Bei der Operation im Juli 2008 stellte sich heraus: Es handelte sich um einen hormonbedingten, weniger aggressiven Tumor, die Brust musste nicht entfernt werden. «Ich weiss, dass viele Frauen damit extrem tapfer umgehen» sagt Helg, aber für mich wäre es schlimm gewesen, die Brüste zu verlieren. Sie gehören doch zum Frausein.»

 

 

 

 

Erika Rusterholz trägt medizinisches Wissen über Brustkrebs zusammen und publiziert es auf einer Website.

Das kann Erika Rusterholz (75) nur bestätigen.

Sie erkrankte mit 68 an Brustkrebs.

Seit zwei Jahren geht sie mit Implantaten durchs Leben. «Ich bin sehr glücklich damit», sagt die Zürcherin strahlend. Vor ein paar Jahren befand sie sich noch «im tiefsten Tief», wie sie sagt. Die Diagnose selbst hatte sie einigermassen gefasst weggesteckt. Sie, seit 49 Jahren verheiratet, ehemalige Buchhalterin und Reiseleiterin, hatte die ganze Welt gesehen, in Kalifornien gelebt und in Italien eine Wohnung gekauft – sie war nicht so schnell aus der Bahn zu werfen. Dann, zwei Wochen nach der Operation im Januar 2004, brach sie zusammen.

«Ein grosser Teil beider Brüste war weg», sagt sie, «ich fing an zu spinnen. Ich konnte an nichts anderes mehr denken. Und ich war wütend.»

Wütend, weil sie nicht glauben konnte, dass man nicht mehr von ihren Brüsten hätte erhalten können.

Also begann die Patientin, Daten und Fakten rund um den Krebs zu sammeln. Sie wollte alles über Ursachen, Behandlungsmöglichkeiten und Nebenwirkungen wissen. Dank ihrer Recherchen ist Rusterholz heute überzeugt, dass sie richtig behandelt wurde.

 
 

 

Beim Erzählen ihrer Krankengeschichte wirft sie mit Ausdrücken, wie «Serom», «Karzinom» und «DCIS» um sich und meint Wundwasseransammlungen, Krebszellen und Milchkanalverkalkungen, die eine Vorstufe zu Krebs darstellen. Das medizinische Wissen, das sie zusammengetragen hatte, platzierte sie im November 2004 auf ihrer neu aufgeschalteten Homepage www.brustkrebsverlauf.info. Inzwischen werden ihre Informationen, Adressen, Übersetzungen und Präsentationen von Betroffenen wie auch von Fachärzten geschätzt.

 

Verein gegründet, um Frauen mit Brustkrebs zu beraten.

Erika Rusterholz ist seit Jahren fast beschwerdefrei. Eine Narbe an der rechten Brust stört sie zwar und muss deshalb nochmals korrigiert werden. Das hinderte die umtriebige Rentnerin aber nicht, vor ein paar Wochen auch noch den Verein «Brustkrebs–Wissen hilft weiter» ins Leben zu rufen. Der Zweck: Frauen mit Brustkrebs zu beraten. Wie wichtig das sein kann, weiss Rusterholz aus eigener Erfahrung: «Je mehr Informationen ich hatte, desto besser fühlte ich mich.»

 

 

 

Ganz anders war das bei Susanna Helg.

«Ich wollte so wenig wie möglich über Brustkrebs hören», sagt die Aarauerin. Wer sich informierte, Fragen stellte und die Angst mit einschlägigen Büchern wegzulesen versuchte, war ihr Mann Daniel. Die Patientin lenkte sich zwischen Chemotherapie, Arztgesprächen und dem Anpassen von Perücken lieber mit Spaziergängen und Gesprächen ab. Die Zeit war auch so schwierig genug. «Das Allerschlimmste war das Warten auf irgendwelche Ergebnisse», sagt Susanna Helg rückblickend.

 

Nach der Therapie ist der Kinderwunsch wieder aktuell.

Wie Rusterholz, hatte auch Helg nie einen Rückfall und ist heute wieder fit und aktiv, ja am Durchstarten. Gerade hat sie einen langjährigen Wunsch verwirklicht und angefangen, Salsa-Lektionen zu geben.

Und vor ein paar Monaten konnte sie die Antihormonpräparate absetzen, die verhinderten, dass die Krebszellen

erneut zu wuchern beginnen. Damit wird auch der Kinderwunsch des jungen Ehepaars wieder aktuell.

 

 

MIGROS MAGAZIN Nr. 40 vom 3. Oktober 2011 (Online-Ausgabe Seiten 18 - 23: )

Text: Yvette Hettinger, Redaktorin BR, Zürich

Bilder: Victoria Loesch

 

   

 

     

 

Brustkrebsfälle nehmen weltweit zu

 

Weltweit hat sich die Zahl der Todesfälle durch Brustkrebs in den letzten 30 Jahren nahezu verdoppelt: 1980 waren es etwa 250'000, 2010 bereits 425'000.

In den Industrienationen sind die Zahlen aber am Sinken: Dank der frühen Erkennung des Krebses stirbt heute noch eine von 47 Frauen (Gesamtbevölkerung) an der Krankheit, 1980 war es eine von 32.

 

 

• Auch in der Schweiz sinkt die Sterberate. Wird der Krebs im Frühstadium erkannt und die Therapie korrekt durchgeführt, liegt

die Überlebensrate bei 80 Prozent. In Schweden liegt diese Quote bereits bei 85 bis 90 Prozent, weil sich dort mehr Frauen systematisch untersuchen lassen.

 
 

• Auch in der Schweiz werden diese Screening-Programme ausgebaut: Frauen mit erhöhtem Brustkrebsrisiko werden regelmässig untersucht, und bei Frauen ab 50 Jahren wird alle zwei Jahre eine Mammografie gemacht. Wird das Programm nach den

Richtlinien des Bundesamtes für Gesundheit durchgeführt, bezahlen es – zum Teil mit Selbstbehalt – die Krankenkassen.

 
 

• Dank Früherkennung können Operationen oft brusterhaltend durchgeführt werden: Bei 70 Prozent der Patientinnen, deren Brustkrebs durch ein Screening entdeckt wurde, und bei 50 Prozent der Fälle ohne Sreening müssen die Brüste nicht amputiert werden.

 
 

• Dank besserer Ausbildung der Onkologen kann immer öfter schon während der Operation eine gleichmässige Brustform erreicht werden (onkoplastische Chirurgie).

 
 

• Von den Frauen, welche die Brüste entfernen lassen müssen, entscheiden sich die allerwenigsten für deren Rekonstruktion.

Die Gründe: Ein Wiederaufbau bringt meistens einen weiteren Eingriff bei einem plastischen Chirurgen mit sich, das Ergebnis ist oft erst nach mehreren Operationen zufriedenstellend. Die Wiederherstellung wird von der Krankenkasse bezahlt, aber nicht immer die operative optische Anpassung der gesunden an die operierte Brust.

 
 

• Für die Rekonstruktion verwendet man meist eine Silikonhülle, die mit Salzlösung oder Silikongel gefüllt wird. Zunehmend kommt auch körpereigenes Gewebe der Patientin zum Einsatz. Dieses wird meist dem Rücken oder dem Bauch entnommen.

 
 

• In den USA macht sich ein Trend bemerkbar, dass sich Frauen mit hohem Brustkrebsrisiko die Brüste präventiv amputieren lassen. In der Schweiz zeichnet sich diese Tendenz nicht ab. Von der erblichen Konstellation sind weniger als fünf Prozent aller Frauen betroffen.

 
 

Erhöhte Risiken haben Frauen,

… die Verwandte ersten Grades unter 50 Jahren mit Brustkrebs haben.

… die sehr früh die erste Periode und spät die letzte (Menopause) haben.

… mit späten ersten Schwangerschaften.

… die über Jahre Hormonersatzpräparate gegen Wechseljahrsbeschwerden verwenden.

… die nach der Menopause einen hohen Body-Mass-Index aufweisen.

Das Risiko sinkt leicht mit frühen und zahlreichen Schwangerschaften und jedem Stillzeitmonat.

 

 
 

Text: Yvette Hettinger

 

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© Erika Rusterholz