Ein Brustkrebs und sein Verlauf

 

My Breast Cancer and its History

 

Brustkrebs: Persönliches

Krebsliga Schweiz -

Erfahrungsberichte: von Krebs betroffen

März 2009:

Ich verstehe mich als «1-Frau-Selbsthilfe-Organisation»

 

 

Logo der Schweiz. Krebsliga

Besuchen Sie diese Seite, weil Sie die Diagnose Krebs erhalten haben?

Oder ein Angehöriger oder Freund von Ihnen?

Fragen Sie sich, wie Sie es schaffen sollen, damit umzugehen?

 

Die Krebsliga Schweiz hat in ihrer Homepage

einige Erfahrungsberichte eingefügt, auch den nachfolgenden:

 

 

Erfahrungsbericht von Erika Rusterholz

 
 

"Brustkrebs? Bei mir? Das kann doch nicht sein...", war meine erste Reaktion.

Ich war gerade 68-jährig geworden. Die "Welt" stürzte zusammen, der Tod war plötzlich gegenwärtig. Das war im Januar 2004.

 

Heute ist es mir wichtig, anderen Frauen aufzeigen zu können, worauf sie achten sollten, falls sich etwas in der Brust spürbar verändert hat. Wenn etwas da ist, das vorher nicht so war. Auf das eigene Gefühl vertrauen und sofort handeln, das heisst, Suspektes am richtigen Ort medizinisch abklären lassen. Ein gutes, wenn möglich zertifiziertes Brustzentrum sollte die erste Anlaufstelle sein – es verfügt über die nötige Erfahrung und das Know-how.

Erika Rusterholz

 

 

Wichtig: Brustkrebs ist kein Notfall, es bleibt Zeit, um alles in Ruhe anzugehen.

 

Jede Frau muss wissen, was falsch laufen kann

Im Sommer 2003 ertastete ich eine Verhärtung in meiner linken Brust und zeigte diese dem Hausarzt. Er meinte, das gäbe es gerne bei älteren Frauen und sei nicht tragisch. Drei Monate später spürte ich bereits einen gut erbsengrossen Knoten. Der Arzt meldete mich nun bei der Mammographie an, wobei auch noch eine Biopsie durchgeführt wurde. Deren Ergebnis ergab zu meiner Erleichterung keinen Karzinomnachweis. Dennoch wurde mir Ende Dezember 2003 eine Operation empfohlen. Der Knoten sollte samt etwa 1 cm Gewebe rundherum entfernt werden; dazu auch die Achsel-Lymphknoten, falls sich der Knoten dann doch als bösartig erweisen sollte.

 

Das verunsicherte mich. Eine Delle in meiner Brust wollte ich nicht. Eigentlich wollte ich mich gar nicht operieren lassen. Aber Ruhe liess mir der Knoten auch nicht mehr. Ich wollte ihn ambulant entfernen lassen – wo und wie ist solches möglich?

 

Via Internet stiess ich am 2. Januar 2004 auf den mir richtig erscheinenden Ort mit einem sehr erfahrenen Arzt: es war ein Brustzentrum. Schon drei Tage später wurde mir dort auf meinen Wunsch hin der Knoten mittels Vacuum-Biopsie fast vollständig entfernt. Das Gewebe wurde untersucht. Leider ergab sich jetzt ein anderer Befund: ein 1,2 cm grosses invasiv-duktales Mammakarzinom! Bei der früher durchgeführten Biopsie hatte der Radiologe im Regionalspital daneben gestochen – wohl mangels Erfahrung mit Gewebeproben.

 

Die seit langem bekannten Mikroverkalkungen in meiner anderen Brust wurden nun auch genauer untersucht: jetzt wurden darin Krebszellen gefunden!

Ich war zwar während sieben Jahren jährlich zur Mammographie aufgeboten worden, jedoch hatte der Radiologe immer nur das vorhergehende Bild zum Vergleich des Mikrokalkherdes beigezogen. Ein Blick auf die erste Mammographie hätte die Veränderung über die Jahre hinweg deutlich gemacht.

 

Meiner Meinung nach ist ein gutes Brustzentrum auch für eine Mammographie die richtige Adresse. Die Aufnahmen werden jeweils von zwei Ärzten beurteilt, welche sich im "Lesen" derselben bestens auskennen.

 

Operation und Bestrahlung

Beim nun gefundenen Arzt im Brust-Zentrum Zürich fühlte ich mich in guten und kompetenten Händen. Bei ihm war ich sicher, dass jetzt alles richtig lief. Für die Operation (ich bin allgemein versichert) überwies er mich an einen ihm gut bekannten Gynäkologen/Chirurgen, damals Leitender Arzt im UniversitätsSpital. Dieser versprach mir, mich "schön" zu operieren. Das war für mich äusserst wichtig!

 

Beidseitig musste etwas viel Brust entfernt werden, jedoch wurde das übrig gebliebene Brustgewebe so zusammengefügt, dass keine Delle entstand. Es sah sehr ästhetisch aus. Auf beiden Seiten wurde eine Sentinel-Lymphknoten-Biopsie gemacht, es gab also kein Ausräumen der Achsel-Lymphknoten mit schlimmen Nebenwirkungen. Die Wächter-Lymphknoten waren glücklicherweise nicht befallen.

 

Nach der Operation wurde Bestrahlung während fünf Wochen angeordnet, ebenso eine Antihormontherapie für die nächsten fünf Jahre. Für die Nachsorge wählte ich den mir bereits bekannten Arzt vom Brust-Zentrum. Es ist mitentscheidend, an einen Arzt zu gelangen, der auch auf der menschlichen Ebene weiterhilft.

 

Allgegenwärtige Gedanken an Krebs

Die Operation hatte ich eigentlich stoisch über mich ergehen lassen. Ich kam guten Mutes nach Hause. Jedoch nach einer Woche bildeten sich in beiden Achselhöhlen kleine, mit Flüssigkeit gefüllte Bällchen, sogenannte Serome. Ich war zu aktiv gewesen, hatte meine Arme zuviel bewegt. Meine Muskeln verspannten sich, alles schmerzte.

 

Erst jetzt brach ich psychisch zusammen. Das Augenwasser war ständig zuvorderst. Nun wurde mir die Situation so richtig bewusst: ich hatte Krebs. Alles andere hatte keine Bedeutung mehr. An eine Zukunft konnte ich nicht mehr denken. Bis jetzt hatte ich alles verdrängen können – jetzt gelang mir das nicht mehr. Ich fiel in ein tiefes Loch.

 

Bestrahlen lassen wollte ich mich nicht mehr, ich hatte einfach zu grosse Angst vor den Nebenwirkungen wegen meiner sensiblen Haut. Nach einer Woche des Allein-seins in meinem Garten an der italienischen Riviera konnte ich mich dann doch überwinden, die Bestrahlung über mich ergehen zu lassen. Diese ist bei brusterhaltender Operation Standard, so werden auch die letzten evtl. noch verbliebenen Krebszellen in der Brust abgetötet.

 

Es schien mir plötzlich wichtig, noch lange weiterleben zu können. Mein Garten brauchte mich doch. Aber die Gedanken an meinen Brustkrebs waren allgegenwärtig. Wie konnte ich mich von ihnen lösen? Ich musste etwas unternehmen, das wurde mir klar.

 

Ich wollte andern Informationen zur Verfügung stellen

Im Gespräch mit meinem Chirurg und meinem Nachsorgearzt entstand die Idee, mit den bereits vorhandenen Bildern und weiteren Unterlagen eine Dokumentation über den gesamten Verlauf meiner Krankheit zu erstellen. Diese könnte bei Vorträgen und Studentenkursen Verwendung finden. Die Ärzte unterstützten mich sehr in meinem Vorhaben. Das UniversitätsSpital Zürich und das Brust-Zentrum stellten mir alle Unterlagen ohne Weiteres zur Verfügung. Ich war plötzlich sehr beschäftigt. Meine Gedanken waren endlich in andere Bahnen gelenkt. Von da an ging es mir besser!

 

Aber eigentlich sollten auch andere betroffene Frauen von dieser Bild-Dokumentation profitieren können. Mein Mann hatte die zündende Idee: "Machen wir doch eine eigene Homepage und fügen die Bilder dort ein."

 

Seit November 2004 betreibe ich nun meine Website "Ein Brustkrebs und sein Verlauf" in deutsch und englisch (www.brustkrebsverlauf.info). Diese Arbeit ist zu einem wichtigen Lebensinhalt und zu meinem Job geworden. Ich verstehe mich als "1-Frau-Selbsthilfe-Organisation". Über meine Website und einige Brustkrebs-Foren habe ich viel Kontakt und Austausch, beantworte Fragen und gebe Ratschläge. Ich will möglichst viele Informationen zugänglich machen. Ich hoffe, dass damit bei anderen Frauen Fehler vermieden werden können, wie sie anfangs bei mir vorgekommen sind.

 

Reden wollte ich zunächst nicht

Als ich meine Diagnose erhalten hatte, verschwieg ich dies meiner Umgebung gegenüber zuerst. Ich schämte mich, dass sich ausgerechnet bei mir der Brustkrebs eingenistet hatte, hatte ich doch immer normal gelebt und war nie überbordet. Damals wusste ich noch nicht Bescheid über meine Risikofaktoren (Brustkrebs in Mutter’s Familie, Kinderlosigkeit, Menstruation während mehr als 40 Jahren). Schliesslich weihte ich zwei Freundinnen ein. Vor dem Spitaleintritt musste ich zudem meinen Nachbarn informieren und ihn bitten, sich etwas um meinen Mann zu kümmern. Ihn hatte meine Krebs-Diagnose ziemlich mitgenommen.

 

Auch nach der Operation erwähnte ich anderen gegenüber noch längere Zeit nichts von meiner Erkrankung. Ich wollte nicht mit gutgemeinten Ratschlägen überschüttet werden. Erst nach der Bestrahlung begann ich, da und dort davon zu erzählen.

Heute, mit meiner Homepage, ist alles anders. Jeder kann meine Geschichte nachlesen.

Andere Frauen reagieren in der gleichen Situation ähnlich. Ich weiss nun, dass es hilft, dies zu erkennen. Zuvorderst steht meist die Angst, bald sterben zu müssen. Mir ging das jedenfalls so. Eigentlich ist eine Frau gerade dann auf Mut machende Reaktionen angewiesen. Möglichst gut informiert zu sein, trägt ebenfalls dazu bei, die kommenden Therapien optimistisch angehen zu können.

 

Heute weiss ich, dass ich eigentlich sehr viel Glück hatte: das beidseitige Mamma-Karzinom war noch im Frühstadium, und es gibt bis anhin keine Metastasen. Die Früherkennung ist äusserst wichtig!

 

Mein Leben und mein Denken haben sich verändert

Früher habe ich mich nie mit einem Computer beschäftigt, ich fühlte mich zu alt. Heute sitze ich ganze Tage vor dem Bildschirm und suche nach Wissenswertem, das ich in Homepage oder Forum publizieren könnte. Das Neue hat mich von den früheren unseligen Gedanken befreit. Der Brustkrebs ist zwar immer noch präsent, er ist jedoch zur Sache geworden. Alles rund um dieses Thema interessiert mich.

 

Auch in anderer Hinsicht habe ich mich verändert: Nach der Operation verspürte ich starke Schmerzen in der rechten Achsel, die evtl. von der mit dem Brustmuskel verwachsenen langen Narbe herrührten. Zudem war die noch verbliebene Brust wohl altersbedingt zu einem recht kleinen Häufchen zusammengesackt. Ich war nicht so ganz glücklich über diese beiden Umstände. So liess ich im Juli 2009 beidseits die Narben durch eine Öffnung in der unteren Brustfalte lösen und gleichzeitig Silikon-Implantate einsetzen. Mein neuer Look begeistert – nicht nur mich!

 

Die Krankheit hat mich aber auch als Mensch verändert. Ich bin heute herzlicher und zugänglicher als früher. Damals hatte ich mich eher abgekapselt und möglichst keine Gefühle gezeigt. Heute weiss ich, dass Mitgefühl und Herzlichkeit gut tun. Ich durfte das selber erfahren und bin sehr dankbar dafür.

 

Ich möchte alle Betroffenen ermutigen, etwas gänzlich Neues anzupacken, um die Situation besser verkraften zu können. Was für mich die Website, ist für andere vielleicht das Malen oder Schreiben. Auch ein mit Liebe gehegter und gepflegter Garten befreit von bösen Gedanken. Mein kleines Paradies hat mir jedenfalls über Vieles hinweggeholfen.

 

 

(ein von Herrn Steffen Rottler, Krebsliga, aufgezeichnetes Interview im März 2009 diente als Grundlage zu diesem Erfahrungsbericht)

 

 

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www.wissen-hilft-weiter.info

© Erika Rusterholz