Persönliches

Gelenkersatz bei Arthrose

 

mein neues Mittelgelenk am rechten Mittelfinger

eine ausführliche Dokumentation

 

 

Je älter ich werde (ich bin jetzt 76-jährig), je mehr degenerieren meine Gelenke, vorwiegend durch Arthrose - wie dies bei meinem Vater der Fall war.

 

Meine Fingergelenke waren schon vor zehn Jahren mit Arthrose versehen, wie damalige Röntgenbilder zeigen: die einen mehr, andere weniger. Der rechte Mittelfinger machte zusehends Kummer, denn das Mittelgelenk verdickte sich mehr und mehr und schmerzte sehr. Celebrex war mir als Medikament gegen die Entzündung im Gelenk bekannt, ich hatte es ab April 2000 immer wieder in Abständen eingesetzt. Es half recht gut, die rötliche Schwellung ging jeweilen zurück.

Vor einigen Jahren versteifte sich dann das Gelenk des Mittelfingers immer mehr; den Finger zu einer Faust schliessen war nicht mehr möglich, und ich liess deswegen sehr viel fallen. Jedoch nahm die Entzündung im Mittelgelenk ab. Dieses schmerzte nur noch, wenn ich einen Gegenstand in der Hand hielt, welcher gegen das Gelenk drückte (z.B. eine Schere, welche ich während der Gartensaison doch recht viel benütze).

 

Ich hatte bereits vor ein paar Jahren anlässlich eines Vortrags von einem Gelenkersatz auch für Finger gehört. Damals schon schmerzte das Gelenk nicht mehr, der Referent riet, es so zu belassen. Im letzten August, als der Finger mich doch zusehends behinderte, erhielt ich den Rat meines Plastischen Chirurgen in Frauenfeld, mit einem Gelenkersatz möglichst noch etwas zuzuwarten. Die verwendeten Teile seien aus Silikon - danach wäre mein Finger weniger stabil, als er es jetzt sei.

Im September 2011, am Tag der offenen Türe des Spitals Bülach, hielt ich (wie viele andere auch) die Hand dem dortigen Facharzt zur Begutachtung hin, und er meinte, das Gelenk sei prädestiniert für eine Studie der Schulthess Klinik in Zürich: es werde dort ein Gelenkersatz getestet, der wie ein Kniegelenk funktioniere und nicht aus Silikon bestehe.

 

Das schien mir nun eine gute Sache zu sein, ich meldete mich also als Testperson. Bericht von der ersten Konsultation:

 

Broschüre der Schulthess Klinik in Zürich über Fingergelenkarthrose und neue Pilotstudie:

Skizzen daraus:

rechts das bisher übliche Kunstgelenk aus Silikon am Mittelgelenk

Oberflächenersatz mit minimaler Knochenresektion bei zerstörtem Mittelgelenk

 

Neuentwicklungen beim Oberflächenersatz (ähnlich einem Kunstgelenk für ein Knie) zeigen ebenfalls vielversprechende Resultate mit einer gegenüber Silikon verbesserten Stabilität. Deren Einsatz ist jedoch nur bei guter Knochenqualität möglich und muss im Einzelfall besprochen werden.

 

 

1. Dezember 2011:

Der CapFlexPIP-Finger-Mittelgelenkersatz wird eingesetzt, ambulant, unter Lokalanästhesie durch 4 Spritzen in die Hand

Operationsdauer ca. eine Stunde - Bericht:

 

Mittelfinger vor Operation

zerstörtes Arthrose-Mittelgelenk

CapFlex-Gelenk von oben

und seitlich am Op-Tag

 

Die ganze Hand wird zusammen mit einer an der Innenseite angelegten breiten Schiene über das Handgelenk hinaus dick eingebunden. Diesen "Klumpen" soll ich möglichst nach unten halten, was automatisch geschieht durch das zusätzliche Gewicht.

Gegen Schmerzen brauche ich nur wenig Medikamente während drei Tagen anschliessend an die Operation.

 

 

5 Tage später:

In der Ergotherapie der Schulthess Klinik wird der dicke Verband abgenommen, die breite Schiene durch eine dem Finger angepasste ersetzt. Das untere Nahtende macht mir selber keinen guten Eindruck, denn das Gewebe ist wässerig, während der Rest der über 3.5 cm bogenförmigen Naht relativ gut aussieht. Die Ergotherapeutin sieht aber keinen Grund zur Besorgnis und macht einen festeren Verband um den Finger.

 

Eine Schiene soll ab sofort den operierten Finger stabil halten, damit die Gelenkteile gut einwachsen können: flaches Stück Kunststoff (?) leicht in Handform geschnitten, erwärmt und an der Hand angepasst, Voriges wird weggeschnitten. Das neu geformte Teil wird mit kleinen Klettverschlüssen versehen, Bänder angebracht und die Schiene um Hand und Finger festgebunden, zu tragen während 24 Stunden täglich. Nach vier Tagen kann ich sie erstmals für jeweilen einige Minuten abziehen, um 3 - 5mal am Tag Fingerübungen zu machen, denn das neue Gelenk muss immer wieder bewegt werden.

Nur lässt sich das Ersatzgelenk kaum beugen. Zusätzlich schmerzt das Endgelenk sehr bei bereits leichtem Druck auf die Fingerspitze, obwohl da ja nichts verändert worden ist.

Ich hatte mir das eigentlich leicht anders vorgestellt...

 

Jetzt stellt sich auch noch eine Lungenentzündung ein (die siebte wegen Bronchiektasien), die ich mit Antibiotika erfolgreich bekämpfe. Ich stelle mir dabei vor, dass das Antibiotika auch gut sein könnte für den nicht so gut heilenden Finger.

 

nicht gut angepasste Fingerschiene,

sie zieht den Mittelfinger zur Seite

vorgegebene tägliche Übungen für das neue Gelenk -

jedoch klemmt es und lässt sich kaum biegen...

3 Wochen nach Operation:

die noch verkrustete Naht

 

 

15 Tage nach der Operation:

In der Ergotherapie (diesmal in meiner Nähe) werden die Fäden gezogen und um den Finger nochmals ein einfacher Verband angelegt, den ich noch eine Woche tragen soll. Zusätzlich wird mir gezeigt, wie ich die Finger nach vorn beugen soll - was ich ja bis anhin bereits zuhause gemacht hatte. Ich habe mehr an Informationen erwartet, wie ich den Mittelfinger wieder in Gang bringen kann.

Die Schiene kann ich ab sofort tagsüber beiseite lassen, jedoch muss diese nachts zur Sicherheit noch zwei weitere Wochen getragen werden.

Zwei Tage später schmerzt es sehr unter dem Verband, ich entferne ihn und lasse ab sofort die sich krustig zeigende Naht an der Luft heilen. Nach und nach fallen die Krusten ab, am längsten hält es die unterste, dickste aus.

Nach einer Woche soll ich wieder zur Ergotherapie kommen, das sei nötig und üblich. Obwohl ich ständig versuche, den Finger zu biegen - es will einfach nicht richtig gelingen. Nicht nur die dabei entstehenden Schmerzen stören, sondern irgend etwas hemmt im Gelenk. Ob da etwas nicht gut ist? Ja, ich mache mir Sorgen, zumal der Finger sehr dick ist und dunkelrot über dem Gelenk.

 

Ich will nichts unversucht lassen und suche die Ergotherapie also wieder auf. Dabei bitte ich, doch ein Röntgenbild des Fingers zu machen, jedoch der dazukommende Arzt findet das nicht nötig (was im Nachhinein gesehen doch richtig gewesen wäre...). Der Finger wird noch rundum massiert, verhärtetes Gewebe zerdrückt, denn durch die Operation ist das Gewebe vernarbt und sollte gelockert werden.

Diese Prozedur wiederhole ich zuhause täglich mehrmals. Mich dünkt jedoch, dass nach dem Kneten der Finger noch dicker/röter werde.

 

Wiederum eine Woche später: die Leiterin der Ergotherapie behandelt jetzt das aufgeschwollene Gewebe seitlich des neuen Fingergelenks mit Ultraschall und würde dies gerne wiederholen, ist aber nicht sicher, ob diese Idee von Vorteil ist. Auch erhalte ich einen kleinen Finger-Kompressionsstrumpf, der helfen soll, die Geschwulst abzubauen, und den ich immer tragen soll.

Eine Anfrage beim Handchirurg ergibt dann, dass Ultraschall weggelassen werden kann, dies würde keine Verbesserung bringen. Ich streiche somit weitere geplante Sitzungen in der Ergotherapie.

 

 

11. Januar 2012:

erste Kontrolle 6 Wochen nach der Operation mit Röntgen des Fingers und Begutachtung - Bericht:

Ich gehe mit gemischten Gefühlen in die Schulthess Klinik, denn ich frage mich jetzt doch, ob ich einen falschen Entscheid getroffen habe mit dieser Gelenkoperation, denn das Gelenk lässt sich immer noch nur mit Schmerzen etwas biegen: nicht mehr, als es mit dem Arthrosegelenk möglich war, welches aber nur weh tat, wenn etwas stark dagegen drückte.

 

Das Röntgenbild zeigt, dass beide Gelenkteile gut eingewachsen sind. Aber das obere Gelenkteil ist jetzt ziemlich zur Seite verschoben. Das heisst, dass die beiden Teile nicht mehr aufeinander passen können - war das der Widerstand, den ich die vergangenen Wochen wahrgenommen hatte?

 

Ich bin überzeugt: die mit schrägem Fingerteil angepasste Schiene hat diesen also ständig zur Seite gezogen.

 

Nach dieser Konsultation - mit dem Hinweis, wenn immer möglich den Finger auf/ab zu bewegen, Ergotherapie-Besuche seien nicht nötig - überlege ich mir auf dem Weg zur Strassenbahn: das Gelenk ist also festsitzend - so kann ich mir sicher erlauben, den seitwärts verschobenen oberen Gelenkteil zurückzustossen, damit dieser wieder mit dem unteren übereinstimmt. In der Strassenbahn beginne ich also, leicht massierend und sanft stossend, den vorstehenden Knochen an den ursprünglichen Ort zu schieben.

Etwa drei Stunden später - nach anfangs recht harzigem Auf- und Zu-Training mit dem neuen "Gelenksgefühl" - fahre ich nochmals zurück zum Arzt, um ihm diesen Erfolg kurz vorzuführen: den sich jetzt doch gut beweglichen Mittelfinger.

Um die Geschwulst zu reduzieren, soll ich ab sofort nachts einen silikonbeschichteten engen Fingerstrumpf tragen und gleichzeitig Mittel- und Zeigefinger mit einem schmalen Bändchen zusammenbinden.

 

Seither sind gute Tage vergangen: ich mache sehr fleissig meine Auf/Ab-Übungen, der Finger ist auch bei allerlei Arbeiten in Bewegung. Pausen tun nicht gut, sie erschweren das neuerliche Beugen des Fingers; er schmerzt dann, bis er wieder genug bewegt worden ist.

Zwischendurch denke ich jedoch gar nicht mehr daran, dass ich ein neues Fingergelenk erhalten habe. Ich kann alles wieder gut in der Hand halten, auch Kugelschreiber und Gartenscheren. Dieser Fortschritt ist nun recht schnell eingetroffen.

 

Der Finger ist zwar immer noch dicker als normal, auf der Gelenkoberseite auch noch rötlich, eine kleine Erhebung beim unteren Narbenende schmerzt auf Druck. Jedoch sitzt der obere Gelenkteil nach meiner "Nachhilfe" immer noch am richtigen Ort.

 

Wie die Aufnahme vom 23. Januar 2012 um 08.30 Uhr zeigt: Eine Faust zu machen, ist bereits am Morgen recht gut möglich (abends sowieso) - der Finger mit dem CapFlex-Gelenk erfüllt seine Erwartungen. Ich freue mich sehr darüber und bereue meinen Entscheid also nicht!

 

Nächste Kontrolluntersuchung am 22. Februar 2012.

 

 

Röntgenbilder: Schulthess Klinik Zürich

für Anfragen: ich freue mich auf Ihr e-mail 

Erika Rusterholz