Ein Brustkrebs und sein Verlauf

 

My Breast Cancer and its History

 

Brustkrebs-Forum:

Rubrik Wissenswertes zu Brustkrebs

Beilage zu:

"5 Ärzte, 5 Vorträge: Gemeinsam gegen Brustkrebs"

 

 

Die Rolle der Chirurgie bei Brustkrebs

 

 

Vortrag vom 4. Oktober 2007

anlässlich der Infowoche der Krebsliga des Kantons Zürich

 

gehalten von Dr. med. Jürg Schneider, Chefarzt Brustzentrum Frauenklinik, GZO Wetzikon

 

Zusammenfassung von Silvia Schanz:

 

Die Brust hat mit der Schönheit der Frau zu tun. Sie sind untrennbar miteinander verbunden. Dies ist auf unzähligen Werbeplakaten und Kleinanzeigen ersichtlich. Tagtäglich werden wir mit schönen Frauenbildern konfrontiert, und meistens steht die Brust der Frau im Mittelpunkt. Dies beginnt schon sehr früh beim Stillen von Kleinkindern. Hier spielt die weibliche Brust gar eine einzigartige Rolle. Deswegen ist es für die Frau besonders schlimm, wenn sie plötzlich eine knotenartige Veränderung in der Brust ertastet.

 

In den letzten 25 Jahren wurde in Bezug auf die Diagnostik bei Brustkrebs ein riesiger Fortschritt erzielt. Während es früher zur radikalen Brustentfernung keine wirkliche Alternative gab, kann heutzutage meist brusterhaltend operiert werden. Dennoch kommt die Diagnostik von Brustkrebs bei den meisten Frauen wie einem Sturz aus einer Traumwelt gleich. Häufig sind die ersten Reaktionen getrieben von Angst und Panik. Der Tumor soll so schnell wie möglich komplett entfernt werden, die Brust soll und darf jedoch auf keinen Fall entfernt werden. Ausserdem besteht eine grosse Angst vor einer Chemotherapie und einem damit verbundenen Haarausfall.

 

Wichtig ist jedoch, bei einem vorliegenden Verdacht erst einmal die Ruhe zu bewahren. Knoten in der Brust sind häufig oft zyklusabhängig und müssen nicht zwangsläufig bösartig sein. Im Zweifel sollte zwingend ein spezialisierter Arzt aufgesucht werden oder Hilfe bei Brustzentren oder der Krebsliga ersucht werden. Die Frau muss sich auch bewusst werden, dass der Arzt das Gleiche will wie sie: ihre Gesundheit erhalten, den Brustkrebs heilen und die Brust durch möglichst schonende Therapien erhaltend operieren, so dass die Frau wieder ein normales, erfülltes Leben führen kann.

 

Neben der konventionellen Chirurgie gibt es eine Reihe weiterer Therapieformen, die bei Brustkrebs zur Anwendung kommen: die Strahlen-, Chemo- und Hormontherapie. Welche Therapie für welche Patientin die richtige ist, muss individuell entschieden werden und kommt unter anderem darauf an, in welchem Stadium der Krebs diagnostiziert wurde. Brustkrebs trifft die unterschiedlichsten Frauen und kann in jedem Alter auftreten. Bevor überhaupt irgendeine Therapie begonnen wird, muss zuerst eine möglichst genaue Diagnose angestrebt werden. Es muss ein Therapiekonzept erstellt werden, was eine eingespielte Zusammenarbeit von verschiedenen Spezialisten verlangt. Wichtig ist dabei, dass die Frau ihre jeweilige Situation und ihr individuelles Therapiekonzept versteht. Dies kann je nach Lebensphase, in der die Frau sich gerade befindet, komplett unterschiedlich ausfallen. Eine junge Frau ist sicherlich daran interessiert, dass die Brust so schön als möglich erhalten bleibt, eine ältere Frau hingegen hat andere Kriterien.

 

Eine neuere Methode in der Diagnostik von Brustkrebs stellt die Sentinel-Technik dar. Sentinel bedeutet Wächter – in dem Fall ist der Wächterlymphknoten gemeint. Dies ist der Lymphknoten, der dem Tumor am nächsten liegt. Nach Injektion eines leicht radioaktiven Markerstoffes kann dieser Lymphknoten lokalisiert und daraufhin histologisch untersucht werden. Ist der Lymphknoten schon vom Tumor befallen, wird er entfernt. Zudem werden die sich in der Umgebung befindlichen Lymphknoten gleich mit entfernt. Weist der Sentinel jedoch noch keine Spuren eines Tumorbefalles auf, heisst das, dass sich der Tumor noch nicht ausgebreitet hat. In diesem Fall macht es Sinn, den primären Tumor zu entfernen. Hat der primäre Knoten jedoch schon metastasiert, beispielsweise in die Leber, macht es keinen Sinn mehr, den primären Tumorherd zu entfernen.

 

Auffällig ist, dass im Zürcher Oberland die Diagnose oft erst erstellt wird, wenn der Tumor bereits relativ gross ist. In der Westschweiz hingegen, wo die Mammographie als flächendeckendes Routinescreening viel mehr verbreitet ist, werden Tumore oft schon in einem viel früheren Stadium entdeckt. Dies erhöht die Heilungschancen um ein Vielfaches.

 

Ist der Tumor zum Zeitpunkt der Diagnose schon weit fortgeschritten, macht es eventuell Sinn, erst eine Chemo- oder Hormontherapie zu machen. Erst wenn die Tumorgrösse reduziert ist, wird der Tumor dann chirurgisch entfernt. Die Gefahr dabei ist, dass der primäre Tumor aufgrund der Chemotherapie in kleine Lokalrezidive zerfällt. Das bedeutet, dass der Tumor während des chirurgischen Eingriffs unter Umständen nicht vollständig entfernt werden kann. Deshalb macht es oft Sinn, diesen Eingriff umfassend und auf Sicherheit bedacht durchzuführen. Denn kommt es tatsächlich nach einigen Jahren wegen eines vergessenen Teils des Tumors zu einem Rückfall, stehen die Heilungschancen meist sehr schlecht.

 

Es gibt mehrere Gründe, warum heutzutage die Brust manchmal immer noch komplett entfernt werden muss. Die brusterhaltende Therapie (BET) stösst leider ab und zu an ihre Grenzen. Dies ist der Fall, wenn der Tumor zu gross und die Brust zu klein ist. Ausserdem ist eine brusterhaltende Therapie nicht möglich, wenn es sich um ein inflammatorisches Mammakarzinom handelt oder bereits eine Haut- oder Mammilleninvasion stattgefunden hat. Die Brust muss auch entfernt werden, wenn bei der Patientin Gründe gegen eine Nachbestrahlung bestehen oder wenn es nach einer vorhergehenden BET zu einer Rezidivbildung gekommen ist.

Die brusterhaltende Therapie kann nicht ohne Nachbestrahlung des Brustgewebes durchgeführt werden. Leider kann jedoch nicht jede Patientin nachbestrahlt werden. Dies ist z.B. der Fall, wenn sie aufgrund früherer Krankheiten schon einmal bestrahlt wurde. Oder wenn die Bestrahlung aus technischen Gründen nicht durchführbar ist bzw. medizinsche Kontraindikationen bestehen.

 

Muss die Brust tatsächlich abgenommen werden, bestehen heutzutage aber verschiedene Möglichkeiten der Rekonstruktion. Dies kann entweder über so genannte Exoprothesen, die in den BH oder Bikini eingelegt werden können, oder über Silikonimplantate erfolgen. Das Problem bei Silikonimplantaten ist jedoch, dass sich der Körper früher oder später dagegen wehrt und die Haut unschöne Hügel bildet. Deshalb ist es besser, die Prothese direkt unter den Brustmuskel zu schieben. Dies erhöht die Toleranz der Prothese. Hierbei wird zuerst eine vorläufige Prothese eingesetzt und diese mit Kochsalzlösung gefüllt. Dadurch wird eine Ausdehnung der Brusthaut bis zur Einsetzung der endgültigen Prothese bezweckt. Die Brustwarze wird in einem letzten Schritt aus Haut aus dem Schrittbereich gebildet. Diese ist dunkler und stärker pigmentiert, weshalb sie sich schneller färbt, sobald sie in Kontakt mit Sonnenstrahlen kommt.

Eine Alternative zum lokalen Einsetzen von Prothesen ist die Rekonstruktion der Brust aus körpereigenem Gewebe. Oft wird hierfür der Rückenmuskel (Latissimus dorsi) verwendet. Dieser wird von hinten nach vorne gezogen und dient dann als "Füllmaterial" der zu rekonstruierenden Brust.

Auch der Bauch kann als Quelle für Füllmaterial dienen. Dies ist jedoch nur bei Frauen möglich, die keinen Kaiserschnitt hatten. In dem Fall trägt die Frau nämlich eine tiefe Narbe im Unterbauchbereich, und es kann kein Gewebe mehr entnommen werden. Der Nachteil einer Gewebeentnahme aus dem Bauchbereich ist auch, dass die Brust oft schwerer wirkt und als "Fleischberg" empfunden wird. Deshalb wird die Verwendung des Latissimus dorsi zur Rekonstruktion der Brust bevorzugt.

 

Allgemein steht die Chirurgie meist am Anfang der Behandlung. Sie ist unerlässlich für die Diagnostik und stellt bei der Brust den Standard dar für die Lokalbehandlung. Solange der Krebs nur die Brust befallen hat, ist er im Normalfall heilbar. Und mittels der plastischen Chirurgie kann eine vollständig entfernte Brust wieder aufgebaut werden. In seltenen Fällen spielt die Chirurgie auch eine Rolle beim metastasierten Brustkrebs-Leiden: Lunge, Hüfte, Hautveränderungen. Hat der Krebs jedoch bereits Metastasen gebildet, ist er in der Regel nicht mehr heilbar. Trotz Metastasen kann aber die Patientin heutzutage mit einer entsprechenden Therapie noch lange überleben.

 

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass eine rasche Diagnose entlastet. Wichtig ist auch, dass vor Beginn der Behandlung ein individueller, umfassender Therapieplan erstellt wird. Teil davon ist eine schonende Axillachirurgie und, wo notwendig, onkoplastische Eingriffe. Im Ganzen betrachtet erfordert eine erfolgreiche Therapie das Zusammenspiel eines Teams von Spezialisten.

 

Als Herausforderung für die Zukunft werden die Informationsdichte in der Laienpresse und der Umgang mit Laienwissen angesehen. Zudem ist der zeitliche Aufklärungsbedarf pro Patientin überproportional hoch und die Anspruchshaltung enorm. Dazu kommen der Erfolgs- und Finanzdruck auf Pflege und Ärzte sowie Lifestyle-Fragen und "Bodyshaping" bei den Patientinnen. Weitere wichtige Punkte, die eine Herausforderung für die Zukunft bedeuten, sind Qualitätssicherung und Reklamationswesen.

 

 

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Erika Rusterholz